Die alte Friedhofskapelle

Es dauerte eine gute Stunde, um ein weiteres kleines Stück Haller Stadtgeschichte dem Erdboden gleich zu machen. Die alte Friedhofskapelle auf dem Friedhof III an der Bielefelder Straße (B68) existiert nicht mehr.


Die Bevölkerung der Stadt Halle wuchs gegen Ende des 19. Jahrhunderts rapide. So wurde schon im Jahre 1892 der zweite Friedhof in der Stadt wiederum zu klein. Man wich auf ein Grundstück am Osning-Hellweg in Gartnisch aus, welches von den Bauern Austmann und Stodiek erworben wurde. Für knapp 7.000 Mark erhielt die Stadt ihren Friedhof Nr. 3. Diese Fläche war gut gewählt, konnte sie doch laufend erweitert werden und dient selbst heute noch (mit knapp 10 Hektar) als Begräbnisstätte.


Die Gemeinde benötigte auf dem neuen Grundstück auch ein Haus, in dem die Trauerfeiern abgehalten werden konnten. Somit kam ein im Jahr 1887 als Bürgerhaus erbautes Anwesen in Betracht. Möglich, dass es sich hierbei um das Anwesen Schwake handelte. Einige der älteren Haller Bevölkerung kannten “Schwakes Wiese” als gute Schlittenbahn. Bei der damaligen “Schwankes Wiese“ dürfte es sich um den jetzigen Friedhof handeln. Das Haus wurde als Handwerkshaus von einem Maurer und einem Schreiner mit Familie bewohnt und wies eine Nutzfläche von ca. 180 qm aus.


Im Jahr 1905 wurde das Anwesen von der Kirchengemeinde Halle gekauft und schon 1906 begannen die Umbauarbeiten zu einer Friedhofskapelle, die bis 1988 in dieser Funktion benutzt wurde. Die mit einem Dampfheizsystem ausgestattete Kapelle bestand aus einer Halle samt Vorraum. Zudem gab es zwei kleinere Nebenräume und zwei von außen erreichbare Toiletten. Allerdings gab es wohl keinen Kühlraum.


Beim Betreten des Friedhofes kam man auf kurzem und geraden Weg auf dieses Gebäude zu und wähnte sich in einer völlig anderen Welt. Ich bitte an dieser Stelle alle Gläubigen und Nichtgläubigen und sowohl die Kirchengemeinde als auch den Friedhofsausschuß um Nachsicht, wenn ich meine persönliche Erinnerung um dieses Gebäude nicht mit kirchlich-christlichen Worten zu beschreiben in der Lage bin: Diese Welt rund um die alte Friedhofskapelle hatte für mich immer etwas verträumt-romantisches und sie wirkte stets auf mich wie ein märchenhaft-"verwunschener" Ort mit großer Anziehungkraft.


Die bleiverglaste Veranda beidseitig vor dem zweiflügligen Kapelleneingang auf der Stirnseite, die mit Efeu und/oder Wein bewachsenen alten Fassaden, die großen bleiverglasten Fenster des Gebäudes und der Turm auf dem Dach, welcher die Totenglocke beherbergte und trotz einer betannten Friedhofsabgrenzung zur B68 schon von weitem deutlich zu erkennen, dürfte noch vielen Hallern in guter Erinnerung sein, wenngleich auch viel Trauer und Schmerz damit verbunden waren.

 

 

 

Bis ins Jahr 1988 wurde das Gebäude für Beerdigungsgottesdienste genutzt. Tausende Trauerfeiern wurden hier abgehalten, in den letzten Jahren wurden bis zu 160 Abdankungen pro Jahr vermerkt.


Auf Grund von Größe, Autolärm auf der B68, (angeblich) fehlendem Kühlraum und einem sanierungsbedürftigen Dach wurde 1987 der Bau einer neuen Friedhofskapelle beantragt, den die Stadt Halle genehmigte und bezahlte. Da es bis zur Fertigstellung noch dauerte, wurde die alte Kapelle nach einer kurzen Zwischenlösung und Zweckentfremdung als Gerätelager notdürftig „geflickt“ und im Innenraum etwas umgestaltet und renoviert. Ihren ersten Gottesdienst feierte die Mennoniten-Brüdergemeinde am 1. Advent 1990 in dem neuen Raum des alten Gemäuers, nachdem das Presbyterium der evangelischen Kirche zu Halle der Brüdergemeinde die Nutzung der alten Friedhofskapelle als Gottesdiensthaus überließ.

 

 

Nachdem die Mennoniten-Brüdergemeinde 1999 ihren Auszug ankündigte und ihn im Februar 2002 realisierte, suchte sowohl die Kirchengemeinde Halle als auch die Stadt Halle nach einer geeigneten Lösung für den Erhalt der alten Friedhofskapelle.


Da die „Flickschusterei“ an dem alten, stark sanierungsbedürftigen Gebäude nicht wirklich ausreichte und die Kirchengemeinde (vielleicht verständlicher Weise) nicht viel Geld in ein Gebäude investieren wollte, welches sie auf Grund der neuen Friedhofskapelle nicht mehr in Gebrauch zu nehmen gedachte (alleine die Dachsanierung hätte 100.000 EUR verschlungen, die gesamte Sanierung der alten Friedhofkapelle um die 450.000 EUR), kamen Verkauf oder Verpachtung ins Gespräch. Hätte ersteres gefruchtet, hätte die Stadt Halle ihr erstes Gotteshaus veräußert. An so einen Gedanken muß man sich erst mal gewöhnen ... aber das betagte Gebäude wäre vielleicht erhalten geblieben.


Wenngleich es tatsächlich einen Kaufinteressenten gab, der die alte Kapelle zu einem Architekturbüro mit Wohnung umbauen wollte (hört sich ja auch erst mal stark gewöhnungsbedürftig an ...), stimmte der Planungsausschuß trotz vorheriger Absprache mit dem Friedhofsausschuß dieser Nutzungsänderung nun nicht mehr zu.


Im Gespräch war noch die Umgestaltung der alten Kapelle zu einem Friedhofs-Café. Auch hier gab es Interessenten. Leider wurde schlußendlich auch dieser doch eigentlich geniale Gedanke seitens der schwierigen Haller Politik * verworfen.


Dieter Weyer, stellvertretender Vorsitzender des Friedhofsausschusses, wurde in einem Bericht zitiert: „Die künftige Nutzung sollte dem Ort auf jedem Fall gerecht werden. Ich kann mir fast alles vorstellen – außer einer Nachtbar oder ähnlichem“


Dies zeigt, wie sehr zumindest Friedhofsausschuß und Kirchengemeinde nach einer adäquaten Lösung für den Erhalt der alten Friedhofskapelle gerungen haben.


Durch die Boykott-Haltung der politischen Gemeinde in Halle wurde die Kirchengemeinde zum Abbruch der alten Friedhofskapelle gezwungen. Nach tagelangan Ausbauten konnten Mitarbeiter des Friedhofes die bunten, bleiverglasten Fenster, die Türen und Holzbänke sicherstellen und vor der Vernichtung bewahren.


Am Vormittag des 04. Juni 2002 beendete ein Abrissbagger innert einer knappen Stunde die unglücklich verlaufenden Diskussionen um den Erhalt und die Weiternutzng der alten Friedhofskapelle. Der Abbruch geschah dann so gründlich und die Planierung so einheitlich, dass man heute überhaupt nicht mehr erkennen kann, wo genau sich die alte Friedhofskapelle befand.

 

Was aber wäre wenn ... wenn die alte Friedhofskapelle z. B. hätte unter Denkmalschutz gestellt werden können?


Wer hätte hier dran denken müssen? Der Friedhofsausschuß, die Kirchengemeinde oder die Stadt Halle? Da in keinem Zeitungsartikel aus der Zeit der Diskussionen um das Schicksal der Kapelle in irgendeinem Zusammenhang das Wort „Denkmalschutz“ zu lesen war, darf ich annehmen, daß wohl alle drei Parteien einen Antrag auf Unterschutzstellung versäumt haben ... Schade eigentlich. Und so ärgerlich. Vielleicht hätte es etwas genutzt und die Kapelle würde noch stehen.

 

 

 

Ohne die freundliche Unterstützung und Mithilfe der unten genannten Personen wäre diese Seite nicht zustande gekommen. Ich vermute, daß sie den einen oder anderen Freund findet, welcher den Erinnerungswert an die alte Friedhofskapelle sehr schätzt und ihren Abriß ebenso außerordentlich bedauert.

 

Diese Seite in meiner Homepage wurde ermöglicht durch die Öffnet externen Link in neuem FensterKirchengemeinde Halle (Marianne Winkelhage) und dem Haller Friedhofsausschuß, der freundlicherweise meine Anfrage in einer Sitzung gutgeheissen, einer "Erinnerungsseite" in meiner Homepage zugestimmt und mir Informationen in Form diverser Zeitungsartikel vom Januar bis Juni 2002 des „Haller Kreisblatt“ und des „Westfalen Blatt“ überlassen hat. Herzlichen Dank.


Ferner gilt mein Dank der Mennoniten-Brüdergemeinde, genannt seien hier Jörg Fliegner und Johann Ens, die mir Informationen über deren Nutzung als Gebetshaus und einige Fotos zur Verfügung gestellt haben.


Last but not least möchte ich ebenso Herrn Wolfgang Kosubek vom virtuellen Museum Halle „Öffnet externen Link in neuem FensterHaller ZeitRäume“ für die Bereitstellung einiger Fotos danken.

 

* (siehe Bauvorhaben A33, Gewerbe- und Industriegebiet in Künsebeck, wo u. a. auch alte und uralte Gebäude herhalten müssen und abgerissen werden. Durch diese Wüterei auf Biegen und Brechen wird ebenfalls Haller Stadt- und Künsebecker Dorfgeschichte unwiederbringlich vernichtet werden)