Schlüsselerlebnis

Natürlich wurde mir mein späteres Interesse für die Oper nicht mit in die Wiege gelegt und von meinen Eltern habe ich diese Leidenschaft nicht übernehmen können. Eigenartigerweise beschränkte sich mein Musikinteresse in meiner Schülerzeit auf den deutschen Schlager. Die "Hitparade im ZDF" war ein Muß. Ich muß aber zugeben, daß ich die deutschen Schlager aus den 70ern auch heute noch ganz gerne höre. Möglicherweise, weil ich mit ihnen aufgewachsen bin ...

 

Neben dieser deutschen Schlagermusik höre ich besonders gerne Gospels und Spirituals. Mahalia Jackson war sicher die bekannteste Vertreterin dieses Fachs. Ihre sehr dunkel gefärbte Stimme paßt hervorragend zu dieser stimmungsvollen Musik. Eigenartigerweise verbinden manche Menschen diesen Gesang mit Weihnachten. Ich muss zugeben, daß die Verbindung naheliegt. Jedoch ist wohl die einzige Verbindung der Vortrag biblischer oder bibelnaher Inhalte. Und wie wir ja alle wissen, beschränkt sich die Bibel nicht nur auf Weihnachten ...  

 

Ansonsten gefiel mir mitunter auch andere englischsprachige Musik, jedoch kannte ich mich hier weit weniger aus.

 

Die einzige, große Ausnahme zu dieser Zeit bestand nur in meiner Leidenschaft für das amerikanische Filmmusical. Hier hatte ich oft Gelegenheit, mich in der ZDF-Reihe Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterDes Broadways liebstes Kind verzaubern zu lassen.

 

 

Da ich nun zufällig meine erste Begegnung mit Opern hatte, habe ich mich zu der Zeit auch nie bemüht, mich auf dem englischsprachigen Musikmarkt weiterzubilden. Ich hatte es auch nicht vermißt ...

 

 

Es begab sich zu einer Zeit, als es noch die legendäre Schallplatte gab ...

 

Ich stöberte durch ein Schallplattengeschäft in Bielefeld und hielt einen Querschnitt von AIDA in der Hand. Das Coverbild faszinierte mich außerordentlich. Aber was war AIDA? Keine Ahnung. Vielleicht hatte ich schon mal etwas davon oder darüber gehört oder aufgeschnappt. Ich weiß es nicht mehr ... Jedenfalls habe ich diese Platte gekauft, auch aus dem Grund, der für Schüler immer sehr wichtig ist: Sie war sehr preiswert. Wow. Was für eine Musik ... Meine ganzen anderen Platten hatte ich kaum mehr angerührt und fast nur noch Verdis AIDA (Querschnitt) gehört.

 

Ich hatte zu der Zeit noch kein Wissen darüber, welche (r) Opernsänger/in von der Stimme her welche Partie am besten singt. Je mehr ich mich aber mit Opern und Partien, Sängern und ihren Stimmen beschäftigte, desto mehr konnte ich auswählen und unterscheiden, welche Sängerin mit ihrer Stimme am besten welche Opernpartie singen konnte.

 

(Heute kann ich mich allerdings so manches Mal beömmeln, wenn ich zufällig mitbekomme, wie Verkäufer -auch in klassischen CD-Abteilungen- ihre Kunden beraten ...)

 

Dies soll wirklich nicht eingebildet klingen, ich glaube, diese Art von "Hörschule" macht jeder in seinem Musikbereich mit. 

 

Na, jedenfalls wurde diese besagte AIDA von Birgit Nilsson (Aida), Grace Bumbry (Amneris), Franco Corelli (Radames) unter Zubin Mehta besungen. Irre. Ich hatte das Glück, daß wenige Zeit nach dieser Schallplattenbegegnung die Oper AIDA live im Fernsehen übertragen wurde. Es war eine Aufführung aus dem Opernhaus San Francisco mit Margaret Price (Aida), Stefania Toczyska (Amneris) und Luciano Pavarotti (Radames). Von dieser Aufführung gibt es eine DVD im Handel. Aus heutiger Sicht (Jahre später ...) muss ich über die Regie der damaligen Aufführung mächtig schmunzeln. Aus viel mehr als Arme weiten, Arme über die Brust kreuzen, halbe Drehung nach links und dann wieder nach rechts bestanden die Bewegungen der Darsteller nicht ... Dafür war das Bühnenbild sehr ansehnlich, eben so, wie man sich die Oper AIDA vorstellt. 

 

Es war wunderbar, nachdem ich als kleiner Schüler gegen die "Macht Eltern" ankämpfen mußte, meinen Willen durchgesetzt hatte und diese Aufführung im Fernsehen verfolgen konnte. (Meine Eltern hatten mit Opern nun überhaupt nichts am Hut ...) Meinen Querschnitt kannte ich schnell auswendig, so daß es mir leicht fiel, diese ausgesuchten Gesangsausschnitte in dem ganzen Opernwerk wieder zu entdecken und neue Musik hieraus kennen zu lernen. 

 

Es war um mich geschehen. 

 

Ohne zu wissen, was ich mir antue, habe ich dann einfach eine Eintrittskarte für meine erste Opernvorstellung am 23.10.1981 im Bielefelder Stadttheater besorgt. Diese Oper war dann keine geringere, als FIDELIO von Beethoven mit der großartigen Gudrun Volkert als Leonore und mit Wolfgang Fassler als Florestan. Ich war begeistert und süchtig geworden nach mehr ...

 

Durch Lesen und Hören und über weitere Besuche im Bielefelder Stadttheater, welches damals für mich die nächstgelegene Bühne war, hatte ich schnell meine Opernkenntnisse erweitern können. Ich bekam schnell mit, daß komische Opern lange nicht diese Wirkung auf mich hatten wie tragische oder dramatische. Möglicherweise auch auf Grund des Melodienreichtums habe ich schnell meine Vorliebe für die italienische Oper entdeckt. Von Wagner kannte ich bis dahin nur sein kürzestes Werk, später auch seine handlungsärmste Oper. Obwohl beide sehr schön waren, so kam ich doch immer wieder auf die Italiener zurück. Bei Mozart war ich geteilter Meinung. Eigentlich fand ich alles bis auf DIE ZAUBERFLÖTE und DON GIOVANNI eher langatmig bzw. langweilig. Auf Grund ihres sehr unterschiedlichen und vielseitigen Repertoires bekam ich durch die Städtischen Bühnen Bielefeld einen großen Überblick und Eindruck der unterschiedlichsten, auch selten gespielten Opern.

 

Irgendwann war ich soweit, daß ich die immer noch sehr schönen italienischen Opern gegenüber den Opern aus der Zeit der "Weimarer Republik", der von den Nationalsozialisten so genannten entarteten Musik, als "Spielerei" sah. 

 

Mein musikalischer Horizont hatte sich erweitert ...