Die Villa Hackmann

Von der Takelage für stolze Segelschiffe bis hin zu Wurstschnüren für Rolffs westfälische Spezialitäten reichte die Produktpalette der Seilerei und Bindfadenfabrik Hackmann. Sie gehörte 130 Jahre lang zu Halles größten Arbeitgebern, "überlebte" zwei Weltkriege und drei politische Systeme ...

 

 

 

 

 

Es begann mit Johann Heinrich Hackmann, der mit Kolonialwaren und Seilen aller Art handelte, und mit seiner Idee: Warum nicht Seile und Garne selbst herstellen? Kein Ort war dafür günstiger als Halle, dessen Exportartikel Nr. 1 seit Jahrzehnten das Leinen- und Hanfgarn war. Schon 1767 hatte es in Halle drei Seiler gegeben. Sie trugen die damalige Berufsbezeichnung "Reipschläger" sogar noch als Familiennamen. Statt des üblichen Kleingewerbes auf eigene Rechnung schwebte Hackmann eine Manufakur mit mehreren Angestellten vor.

 

1840 war es soweit: am Standort Lange Straße konnte das erste Garn gesponnen werden. Schon vier Jahre später wurde der Weg nach Bielefeld zur Chaussee ausgebaut, was den Transport  der Waren erleichterte. Mit der Cöln-Mindener Eisenbahn ging es seit 1847 ab Bielefeld "zügig" weiter. Über die Schiene kam auch die Ruhrkohle nach Ravensberg. Nur ein Jahr später als die Tabakfabrik Kisker, bekam auch Hackmanns florierendes Unternehmen 1861 eine Dampfmaschine.

 

Die 30 Arbeiterinnen und Arbeiter, darunter acht Jugendliche unter sechzehn Jahren,  bekamen 1879 einen neuen Chef. Gottlieb Buskühl übernahm die Firmenleitung und nach ihm sein Sohn Karl. In den 70 Jahren ihres Wirkens wuchs die Bindfadenfabrik Hackmann auf 60-100 Beschäftigte.

 

Der Zweite Weltkrieg machte die Seilerei zum "Kriegswichtigen Betrieb". Sechs Zwangsarbeiter und acht - arbeiterinnen waren hier beschäftigt. Gegen Kriegsende wurde auch hier mobil gemacht: der Geschäftsführer hielt eine eindringliche Rede an die "Gefolgschaft" der Firma. Er mahnte zu einer strikten Einhaltung der Arbeitszeit und zu voller Arbeitsleistung "ohne unnötige Schwätzereien". Die Arbeiterinnen und Arbeiter sollten "Bummelanten" in ihren Reihen unter Druck setzen - im eigenen Interesse.  Andernfalls drohe eine Heraufsetzung der Arbeitszeit auf 56 (!) Wochenstunden.

 

Den Übergang in die junge Bundesrepublik schaffte die Bindfadenfabrik zunächst problemlos. Auch die Umstellung von reinen Naturfasern auf Kunstfaserbeimischungen wurde 1959 angegangen. Doch Ende der 1960er Jahre begannen die Länder, aus denen Hackmann traditionell die Rohstoffe importierte, vornehmlich Jugoslawien, selbst Seilereiwaren herzustellen - und das zu wesentlich niedrigeren Preisen.

 

So musste Friedrich Heisler, als letzter Prokurist der "Spinnerei und Bindfadenfabrik Halle/Westfalen J.H. Hackmann", den Betrieb 1970 stilllegen.

 

Anfang der 1980er Jahre diente ein Teil der Fabrik als alternatives Jugendzentrum. Schließlich wurden Villa und Produktionsgebäude abgebrochen. Heute steht die Volksbank auf dem Gelände an der Langen Straße 45.

 

Quelle: Öffnet externen Link in neuem FensterHaller ZeitRäume/Stadtarchiv HalleWestfalen mit freundlicher Genehmigung