Die Westfalen

Wenn man typische Eigenschaften der Westfalen beschreibt, so ist die Begrenzung auf diesen Raum nicht sinnvoll. Die Westfalen sind Norddeutsche, vielleicht auch Nordwestdeutsche. Sprachlich, mentalitätsmäßig und kulturell sind sie nämlich wesentlich stärker mit den (westfälischen) Menschen in Niedersachsen verbunden als mit den Rheinländern. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wusste man, dass man jeden westfälisch sprechenden Menschen als Westfalen zu bezeichnen hatte, auch wenn es wie überall im deutschen Sprachraum regionale Besonderheiten gab. Trotz der Situation, dass die Westfalen wegen der hohen Zuwanderung in ihren Ballungsgebieten (Ruhrgebiet, Herford-Bielefeld) dort in eine Minderheitsposition gerieten und die westfälischen Mundarten vom preußischen Staat in der Schule, auf dem Amt und im Schriftverkehr unterdrückt wurden, bestehen noch weiterhin bestimmte Unterscheidungskriterien. Das Plattdeutsche ist trotzdem allgegenwärtig und in der Seele der Westfalen nach wie vor tief verwurzelt. Auch die westfälischen Eigenarten sind noch immer vorhanden, besonders in ländlichen Gebieten.

 

„Echte Westfalen” gelten als zuverlässig, ehrlich, treu, fleißig und zurückhaltend. Das im Westfalenlied beschworene „Land von Wittekind und Teut“ ist durch die demographischen Veränderungen nicht mehr überall gegenwärtig.

 

Die Westfalen besitzen einen trockenen Humor und bezeichnen sich auch selbst als „sturen Kopp”, was in der Regel übertrieben ist und für ihre Fähigkeit zur Selbstkritik spricht. Die Zugezogenen, ob aus Bayern, dem Rheinland, Afrika oder Kasachstan, sind die „Uutlänner”. Der Westfale geht schnell zum freundlicheren „Du” über; denn im Plattdeutschen kennt man kein „Sie”. Wie anderenorts sind aber auch in Westfalen die Umgangsformen lockerer geworden, eine gewisse Zurückhaltung schützt den Westfalen allerdings vor zu viel Neugier.

 

Die sprichwörtliche Sturheit der Westfalen ist oft eine andere Bezeichnung für ihre Verbindlichkeit und Prinzipientreue.

 

Westfalen und Rheinländer arbeiten nicht gern zusammen: „Wir Westfalen müssen das halten, was die Rheinländer versprechen“ – dieser Spruch wird dem ersten SPD-Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens, Fritz Steinhoff, bei seinem Amtsantritt 1956 in einem Gespräch mit seinem Stellvertreter und Finanzminister Willi Weyer zugeschrieben. Der Spruch karikiert auf humorvolle Weise, jedoch sicher mit einem Körnchen Wahrheit, das zwangsweise Zusammenleben in einem Bundesland.

 

 

Sprache

Vom Mittelalter bis zum Ende des 16. Jahrhunderts wurden in Westfalen mittelniederdeutsche Dialekte gesprochen, die sich heute jedoch nur schwer rekonstruieren lassen.

 

Bis Mitte des 20. Jahrhundert wurden Westfälische Dialekte des Niederdeutschen gesprochen. Das Niederdeutsche (Eigenbezeichnung: Nederdüütsch), umgangssprachlich auch Plattdeutsch (Plattdüütsch), ist ein eigenes Sprachsystem, das sich vom Hochdeutschen vor allem lautlich und grammatisch stark unterscheidet. Die westfälischen Dialekte werden zur niedersächsischen Sprachgemeinschaft gezählt, im Gegensatz zu den niederdeutschen Mundarten am Niederrhein, die als niederfränkisch bezeichnet werden.

 

Als Verkehrssprache der Hanse war das Niederdeutsche allgemeine Umgangssprache in Westfalen, bis es als Schriftsprache vom Hochdeutschen verdrängt wurde. Während in den ländlichen Teilen Westfalens das so genannte Plattdeutsche („use Plattdüütsch”) im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch alleinige Sprache vor allem der ländlichen westfälischen Bevölkerung war (die verachteten so genannten städtischen Bildungsbürger sprachen zumeist Hochdeutsch), kam es im westfälischen Ruhrgebiet zu einer etwas anderen Entwicklung. In den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung dominierte dort das Plattdeutsche weiter, weil die Arbeitskräfte überwiegend aus Westfalen stammten. Später führte die Arbeitsmigration aus dem Osten – beispielsweise aus Masuren, Schlesien und Polen – zur Entstehung einer spezifischen Ruhrgebietsmundart, in der sich verschiedene Sprachtraditionen vereinten. Die Unterschiede zum restlichen Westfalen sind jedoch relativ klein, und die westfälisch-niederfränkische Sprachgrenze im Rahmen des Dialektkontinuums ist auch innerhalb des Ruhrgebiets noch spürbar. Daneben wurde Niederdeutsch von vielen Bergleuten als Umgangssprache beibehalten. In der regionalen Literatur Westfalens erlebte die niederdeutsche Sprache in der Zeit von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine neue Blüte.

 

Im Gegensatz zu den Großstädten und dem Sonderfall Ruhrgebiet hat sich das Niederdeutsche in manchen ländlichen Gebieten Westfalens, insbesondere im Münsterland und im Sauerland, noch bis vor wenigen Jahrzehnten als dominierende Umgangssprache gehalten.

 

Heute wird in der Alltagskommunikation der Westfalen (Zugezogene gelten bei den Einheimischen nicht als Westfalen) in der Regel Hochdeutsch mit plattdeutscher Einfärbung gesprochen. Häufig wird das und was ersetzt durch dat  und wat (wat häb ick di sächt).

 

 

Westfälische Traditionen

Hier sind einige Fakten und Praktiken, die früher in Westfalen gebräuchlich waren:

 

  • Obwohl Preußen um Berlin herum zentriert war, und zwar überwiegend östlich von Berlin, gehörten Teile von Westfalen seit 1670 zu Preußen. Um 1815 war das ganze Rheinland-Westfalen preußisch.
  • Es gab 3 allgemeine Klassen von Menschen: Adel (und die Kirche), Landwirte und die übrige Bevölkerung. Ebenfalls gab auch 3 Klassen von Landwirten: persönlich frei und in der Lage eigenes Land zu besitzen, persönlich frei und fähig Land zu mieten und weder persönlich frei noch fähig eigenes Land zu besitzen.
  • Obwohl Westfalen um 1800 dichter bevölkert war als viele Teile von Europa heutzutage, lebten mehr als 70% der Leute in kleinen Bauernschaften. Der Bezeichnung Colon (oder Kolon) steht für vererbte Landwirte, die ein Stück Land besaßen, also ein „Colonat“.
  • Leute konnten nur heiraten und Kinder haben, wenn sie eine dauerhafte, beständige Einkommensquelle vorweisen konnten zur ausreichenden Unterstützung einer Familie. Deswegen heirateten die Menschen spät, was wiederum die Folge hatte, dass die Anzahl an Familien effektiv abnahm, mehr als durch jeden möglichen anderen Faktor bis hin zur industriellen Revolution.  
  • Viele Menschen verdienten den Lebensunterhalt für sich als reisende Handwerker und als Wanderarbeiter, besonders in Holland (sog. Hollandgänger).

 

 

  • Die Familiennamen (mit einigen Änderungen) spiegeln vier Kategorien von Landwirten:
    • Meyer oder Meier (verwandt mit dem englischen Wort 'mayor = Bürgermeister') und Schulz (von 'Schuldheiß' oder vom Schuldeneintreiber). Größter und ältester Bauernhof, normalerweise in Besitz von freien Leuten. 
    • Höner (Hoevner, Hubner, Hoover, Honer) war ein etwas kleinerer, jüngerer Bauernhof, der gemietet wurde von normalerweise freien Leuten aber noch zu einem Meierhof gehörte.
    • Ein Kötter (Kotter) war normalerweise nicht frei und bewirtschaftete nur soviel Land (Kotte), um seine Familie ernähren zu können. Wenn der Bauernhof auf ursprünglichen Gemeinschaftsland gebaut wurde, war es ein Markkötter. Ein Kötter war gezwungen auch für seinen Hauseigentümer zu arbeiten. Das englische Wort 'cottager' ist hiervon abgeleitet. 
    • Wer nur die Miete für ein Stück Land mit Haus und Garten hatte und normalerweise am Dorfrand angesiedelt war, war der Brinksitzer (Brinkmaier, Brinkmann). 
    • Die Arbeiter (häufig Familienmitglieder, die weder erben noch heiraten konnten), lebten auf dem Bauernhof, dem sie dienten. Sie waren Heuerlinge, Einlieger oder Einwohner.

 

 

  • Der Platz, wo der Bauernhof angesiedelt war, wurde häufig zum Namen beigefügt. Beispiele: Höner zu Guntenhausen, Meyer zu Oetinghausen. Die Bezeichnungen, die für das Gemeinschaftseigentum verwendet wurden und die Gemeindewiese, waren Allmende oder Mark.
  • Miete wurde mit Geld, mit Erzeugnissen, Vieh und mit Arbeit gezahlt (Frondienst). Wenn ein Paar das Recht an einem freien Bauernhof (Weinkauf) erkaufte, änderte sich ihr Familienname im Bezug auf den Bauernhof. Die Miete wurde mit einem Weinkauf alle 7 bis 15 Jahre erneuert.
  • Wenn der Bauernhof vererbt wurde, musste die Summe auf die der Wert des Bauernhofes basierte, dem Inhaber gezahlt werden. Ein Abschreckungsmittel, um hart zu arbeiten! 
  • Auf kleineren Bauernhöfen musste die Familie ihr Einkommen mit Häuschenindustrie (Heimarbeit) wie Korbflechten, Spinnen, Weben, Schustern und der Herstellung von Rädern aufbessern.
  • Kinder, die nicht erforderlich waren um auf dem Bauernhof zu arbeiten, bekamen ihre persönliche Freiheit (Freibrief) und es wurde angeregt das Dorf zu lassen. Die Kinder von gut situierten Familien gingen zur Schule und wurden als Pastor, Lehrer und Staatsbeamte ausgebildet. Andere gingen zur Preußischen Armee, während der Rest zu Wanderarbeitern wurde, die dann in die Stadtfertigkeitszünfte gingen, in den Gruben arbeiteten oder auswanderten.
  • In großen Teilen von Westfalen erbte das jüngste Kind den Bauernhof. Wenn eine Frau den Bauernhof übernahm und heiratete (oder nochmals heiratete), änderte der Ehemann seinen Familiennamen zu ihrem. Die gemeinsamen Kinder bekamen den Familiennamen der Frau.

 

Quelle: http://www.vieselmeier.de/html_d/traditionen.html